Neulich saß ich mit meinem Vater fast eine Stunde in der Bank, weil er eine Überweisung machen musste. Irgendwann fragte ich ihn:
„Papa, sollen wir dir nicht Online-Banking einrichten?“
Er sah mich fragend an:
„Und warum sollte ich das tun?“
„Na ja, dann müsstest du nicht jedes Mal hier eine Stunde verbringen. Du könntest alles bequem von zu Hause aus erledigen – sogar einkaufen. Das wäre doch viel einfacher.“
Ich war begeistert von der Idee, ihn in die Welt des digitalen Bankings einzuführen. Doch seine Antwort traf mich mitten ins Herz:
„Weißt du,“ sagte er ruhig, „seit ich regelmäßig hierherkomme, habe ich vier Freunde gefunden. Ich plaudere mit den Mitarbeitern, die mich inzwischen gut kennen. Ich bin oft allein – dieser Kontakt ist für mich wichtig. Ich ziehe mich gern ordentlich an und gehe zur Bank. Ich habe die Zeit. Das sind Begegnungen, die ich brauche.
Als ich krank wurde, kam der Obstverkäufer aus meinem Laden mich besuchen, saß an meinem Bett und weinte. Als deine Mutter einmal beim Spaziergang gestürzt ist, war es unser Gemüsehändler, der sie gesehen, ins Auto gesetzt und sicher nach Hause gebracht hat. Weil er wusste, wo wir wohnen.
Glaubst du, ich hätte diesen menschlichen Kontakt, wenn alles nur noch online wäre? Warum sollte ich wollen, dass mir alles geliefert wird und meine einzige Kommunikation ein Bildschirm ist? Ich mag es, die Menschen zu kennen, mit denen ich zu tun habe. Ich mag Beziehungen. Sag mir – hat Amazon so etwas?“
Dann schwieg er einen Moment und fügte hinzu:
„Technologie ist nicht das Leben. Verbringe deine Zeit mit Menschen – nicht nur mit Geräten.“
Ich wurde gebeten, einen Nachmittag auf den Sohn einer Bekannten aufzupassen.
Trotz seines jungen Alters hat er eine ziemlich starke Spielsucht und verbringt vor allem jetzt in den Sommerferien viel Zeit vor dem PC. Sein Vater war ebenfalls abhängig (mittlerweile besteht kein Kontakt mehr), und er war oft alleine, da seine Mama alleinerziehend ist und viel arbeitet.
Gestern habe ich ihn geschnappt und bin trotz seiner Wut und Null-Bock-Einstellung mit ihm losgezogen. Wir waren auf einem Spielplatz beziehungsweise Bolzplatz. Anfangs hatte er gar keinen Bock und wollte nach Hause, aber wir hatten Glück: Eine Gruppe Jungs suchte noch einen Torwart für ihr Fußballspiel.
Ich habe ihn dann gezwungen, es wenigstens zu versuchen.
Ihr hättet ihn sehen sollen! Ich habe ihn da gar nicht mehr wegbekommen. So am Strahlen, am Anfeuern, wie ein Meister hat er fast jeden Ball abgewehrt. Die Jungs haben sich für heute wieder verabredet und er hat mich gefragt, ob ich nicht nochmal mitkommen kann. Er meinte, ich sei die coolste Aufpasserin, die er je hatte.
Es kann manchmal so einfach sein und ich freue mich so für ihn, dass er so schnell Anschluss gefunden hat. Hoffentlich ist das erst der Anfang.