Wenn man als Psychiater oder Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen - und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!
Manfred Lütz aus seinem Buch:
"Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen"
Der alte Menazbach, Inhaber eines
bescheidenen Ladens, liegt im Sterben.
Seine Lebensgeister sind bereits fast
ganz erloschen, die Familie umsteht
ehrfürchtig sein Lager. Mit letzter
Kraft beginnt Menazbach noch
einmal zu sprechen:
"Rifke, mein Weib, bist du da?"
"Ja, Kroinele!"
"Jakob, mein Sohn, bist du da?"
"Ja, Vater!"
"Lea, meine Tochter, bist du da?"
"Ja, Vater!"
"Rahel, meine Tochter, bist du da?"
"Ja, Vater!"
Da richtet sich der Alte mit letzter
Kraft zornig auf und schreit:
"Und wer zur Hölle ist im Geschäft?"