Vor vielen Jahren fragte die Anthropologin Margaret Mead ihre Studenten, was sie als erstes Zeichen der Zivilisation betrachten würden. Die Studenten erwarteten, dass Mead über Angelhaken, Tontöpfe oder bearbeitete Steine sprechen würde.
Doch nein, Mead sagte, das erste Anzeichen von Zivilisation in einer alten Kultur sei ein zusammengewachsenes Schienbein, das zuvor gebrochen war. Mead erklärte, dass ein Lebewesen im Tierreich, wenn es sich ein Bein bricht, stirbt. Mit einem gebrochenen Bein kann es nicht vor Gefahren fliehen, nicht zum Fluss gelangen, um Wasser zu trinken, und nicht nach Nahrung suchen. Es wird zur Beute für Raubtiere, da Knochen viel Zeit brauchen, um zu heilen.
Ein gebrochenes und dann geheiltes Schienbein zeigt, dass jemand sich die Zeit genommen hat, bei der verletzten Person zu bleiben, ihre Wunden zu versorgen, sie in Sicherheit zu bringen und für sie zu sorgen, bis sie sich erholt hat.
Das Helfen eines anderen Menschen in schwierigen Zeiten ist laut Margaret Mead der Akt, der den Beginn der Zivilisation markiert.
Joerg Kuebelsbeck ist im Oktober 2021 nach einem Abend im Festzelt auf dem Heimweg vom Oktoberfest, als er kurz vor dem U-Bahnhof Schwanthalerhöhe eine Frau am Boden liegen sieht. Nun ist ein solcher Anblick im Umfeld der Wiesn, die Kritiker gerne als "größtes Besäufnis der Welt" bezeichnen, kein seltener Anblick. Und das ist wohl auch der Grund, weshalb die vorbeiströmenden Menschen die darniederliegende Frau ignorieren nicht ahnend, dass sie gerade um ihr Leben ringt.
Nicht so jedoch Joerg Kuebelsbeck. "Ich bin zu ihr hingegangen und habe gehört, wie sie geröchelt hat", erzählt der heute 48-Jährige. "Da war mir klar, dass sie nicht betrunken ist, sondern etwas Ernstes hat." Kuebelsbeck reagiert daraufhin sofort: Er bringt die Frau in Seitenlage, überstreckt ihren Kopf und entdeckt dabei, "dass ihre Zunge nach innen geschlagen war".